Baden-Württemberg.NABU.de Tiere & Pflanzen Amseln, Meisen und Co Aktuelles

Millionen Bergfinken bei Tübingen

Millionen Bergfinken machen bei Tübingen halt

Ornithologe Nils Anthes beobachtet die Schwärme

Bergfinken Tübingen


13. Januar 2012 - Seit wenigen Tagen gibt es Berichte, dass bei Tübingen derzeit Millionen Bergfinken Halt machen. Nils Anthes, Ornithologe aus Tübingen, erzählt:

„Den eigentlichen Schlafplatz habe ich erst recht spät entdeckt, daher können erst weitere Beobachtungen in den nächsten Tagen den zeitlichen Ablauf besser abbilden. Der Anflug beginnt sicherlich schon gegen 15 Uhr, zu dieser Zeit sind in jedem Fall schon einige Trupps unterwegs. Gegen 16.15 Uhr waren mindestens schon mehrere 100.000 Vögel zu sehen. Gegen 16.45 Uhr dürfte der Großteil der Vögel an den Sammelplätzen anwesend gewesen sein. Gegen 17.10 Uhr saß ein Großteil der Vögel bereits dicht gedrängt im Innern der Jungfichten. Gegen 17.25 Uhr waren praktisch alle Vögel an ihren Schlafplätzen und fleißig dabei, sich geschwätzig die Erlebnisse des Tages zu berichten.“

Nach den Beobachtungen am 12. Januar schätzt Nils Anthes den Schwarm auf grob fünf Millionen Vögel. Der Schlafplatz selbst erstreckt sich über eine knapp 30 Hektar große Fläche mit dichter Fichtenschonung.

Bergfinken-Schwarm im Film:



NABU-TV auf Youtube


15. Januar 2012 - Update von Nils Anthes

Neben dem spektakulären abendlichen Einflug der Finken, den sich im Laufe des Wochenendes sicher die meisten schon einmal zu Gemüte geführt haben, empfiehlt sich der morgendliche Abflug für eine deutlich "geordnetere" Wahrnehmung der kompletten Vogelmenge. Der Ablug erlaubt auch (im Gegensatz zum Einflug) eine systematische Schätzung des Bestandes.

Heute morgen haben wir zu sechst von Positionen rund um die Schlafplätze die Abflugrichtungen erfasst und systematische Bilderserien für die Auszählung angefertigt.

Der Abflug begann heute schlagartig um 7.58 Uhr und endete ebenso schlagartig um 8.29 Uhr. Dabei flogen beide Schlafplätze komplett (!) das Goldersbachtal aufwärts (also Richtung Herrenberg) ab. Das scheint allerdings tageweise zu schwanken, bereits gestern früh wurde beobachtet, dass alle (!) Finken talabwärts Richtung Bebenhausen abflogen. Die Richtung scheint also morgens im Bergfinken-Plenum recht kurzfristig beschlossen zu werden...

In Richtung der geschlossenen Waldbereiche nach Norden und Süden konnten wir keinen Abflug feststellen, allerdings flogen aus diesen Wäldern ca. ab 7.40 Uhr weitere kleinere Trupps ein, die wohl etwas abseits der zentralen Schlafplätze geschlafen hatten.

Die Auszählung ist bislang nur für den Neben-Schlafplatz abgeschlossen. Vom Neben-Schlafplatz flogen zwischen 7.58 und 8.23 Uhr ca. 1,01 Mio. (0,825-1,2 Mio; 95% Vertrauensber.) Bergfinken ab.

Bitte, ALLE Bergfinken-Beobachtungen (gerade auch die kleineren Trupps in der weiteren Umgebung) dokumentieren. Das wird helfen den Einflug nachzuzeichnen, ebenso wie bspw. den Einzugsbereich des Schlafplatzes (der offensichtlich deutlich über den Schönbuch hinausreicht).

Bergfink

19.01.2012 - Zum Abschluss?

Zwischenzeitlich scheinen sich die Bergfinken-Zahlen nur noch im Tausender-Bereich zu bewegen und in der Tübinger Ornithologen-Newsgroup lag der Schwerpunkt der Diskussion bei der Frage, ob es richtig gewesen sei, die ganze Geschichte öffentlich bekannt zu machen, weil es eben auch Fehlverhalten einzelner Personen gegeben habe. Die Mehrheitsmeinung ist jedoch die, dass die Veröffentlichung den bisher weniger naturinteressierten Mitmenschen die Natur ein wenig näher gebracht habe.

Als Abschluss soll deshalb ein Text von Nils Anthes dienen, der sehr wesentliche Gedanken äußert:

"Die angeregte Diskussion hat sicherlich daran erinnert, dass wir immer alle aufgerufen sind, bei unangebrachtem Verhalten Einzelner auf diese zuzugehen und um entsprechende Rücksichtnahme zu bitten. Was teilweise etwas unterging: Die in den letzten Tagen am Schlafplatz anwesenden Besucher (insgesamt einige Hundert) haben sich zum allergrößten Teil völlig korrekt und erfreulich angemessen verhalten, und das Schauspiel ruhig und von den Wegen aus beobachtet. Ein paar lautere Stimmen hier und da, der Ruf nach einem Kind etc. stellt meiner Meinung nach keinerlei Problem dar. Die sehr erfreuliche Tatsache, dass hier viele Leute ein wirklich tolles Schauspiel erleben konnten, sollten wir in keinem Fall aus den Augen verlieren. Das macht natürlich Einzelne "Ausreißer", die sich deutlich fehlerhaft verhalten, nicht besser. Man sollte sich aber bewusst sein, dass solche punktuellen Störungen (so lange niemand großflächig den Schlafplatz abgrast), keine relevante Wirkung haben dürften.

Bergfink

Vor diesem Hintergrund sei daran erinnert, was die Finken alles recht anstandslos in Kauf nehmen: dauernde Attacken von Wanderfalken/Sperbern/Habichten während des Einflugs; nächtliche Attacken durch Eulen; an vielen Schlafplätzen unmittelbare Nähe zu vielbefahrenen Straßen (auf denen jeden Abend Hunderte Finken zu Tode kamen); an diversen Schlafplätzen in den vergangenen Jahrzehnten zum Teil umfassenden Fang Tausender Vögel inmitten des Schlafplatzes zur wissenschaftlichen Vogelberingung; und noch bis vor Hundert Jahren die gezielte und zum Teil massive Jagd mit dem Blasrohr (die berühmte Bohämmer-Jagd).

In den vergangenen Jahren wurden auch andere Schlafplätze (z.B. in der Schweiz, Österreich, Südschwarzwald) breit publik gemacht, teilweise mit über 500 Besuchern an einzelnen Tagen - und das über viele Wochen hinweg. Wie mir zwischenzeitlich dort ansässige Ornithologen berichten, gab es auch dort immer wieder Einzelne, die sich massiv fehlverhalten haben - eine Auswirkung auf die SP-Besetzung war in keinem Fall festzustellen. Diese Einschätzung bestätigte mir auch Lukas Jenni (Vogelwarte Sempach), der sich Jahrzehnte intensiv mit Bergfinken-Schlafplätzen beschäftigt hat.

Bergfinken 5

In unserem Fall machte (auch mich) insbesondere die zeitliche Koinzidenz zwischen dem ersten großen Aufkommen von Besuchern (ab Sa/So) mit der starken Abnahme des Bestandes (gestern wohl nur noch wenige 1000) stutzig. Inzwischen zeigt sich jedoch auch hier, dass wir Zeuge eines großräumigen Phänomens werden: Zeitgleich wird derzeit sowohl ein zweiter Schlafplatz in BaWü, als auch der große Schlafplatz im Schweizer Jura (...) geräumt. In der Schweiz begann die Abnahme bereits am Sonntag, inzwischen ist der Schlafplatz wohl nahezu leer.

Um auf die von mir selber vorgestern gestellte selbstkritische Frage zurückzukommen ("War es ein Fehler, das Ganze publik zu machen.."): Für mich persönlich ist die Antwort inzwischen ein klares Nein! Gerade jetzt bleibt es aus meiner Sicht spannend zu verfolgen, wie sich der Einflug in diesem Winter weiter entwickelt. Wohin verlagern sich die Finken, entstehen neue Schlafplätze? Womit lassen sich die Räumungen in Zusammenhang setzen? Daher also abschließend wieder die Bitte, Berginken-Beobachtungen weiterhin wie üblich zu notieren. Spannend wären zudem grobe Schätzungen für den Schlafplatz-Bestand im Goldersbachtal in den vergangenen Tagen - hat jemand hierüber noch Aufzeichnungen?"

Ein herzliches Dankeschön an Nils Anthes für die Zurverfügungsstellung der Unterlagen!

mehr Sie wollen über ähnliche Themen informiert werden? Dann abonnieren Sie unseren Newsletter.

Weitere Artikel zum Thema

Rund vier Millionen Bergfinken sind im Hotzenwald zu GastHitchcock lässt grüßen ...

Riesige Vogelschwärme fliegen auf, vollführen waghalsige Flugmanöver und lassen sich wieder nieder. Glücklicherweise sind die Tiere, denen wir dieses Schauspiel verdanken, völlig harmlos: Rund vier Millionen Bergfinken sind derzeit im Lindauer Tal im Südschwarzwald zu Gast. mehr Mehr

Der Bergfink im Wintervogel-PorträtGroße Schwärme in Orange

Der Bergfink ähnelt seinem nahen Verwandten, dem Buchfink, ist aber durch die orangefarbene Brust und Schulter leicht von ihm zu unterscheiden. In einem fliegenden Buchfinkentrupp verrät ihn sofort sein aufblitzender, weißer Bürzel. mehr Mehr

Was Seidenschwänze und andere Invasionsvögel zu uns führtInvasion aus der Ferne

Sie sind wieder da: Massen von Seidenschwänzen sind in München und Augsburg eingefallen. Sie sind das Paradebeispiel für Invasionsvögel. Wann und warum die Vögel aus Nordeuropa und Sibirien auswandern und andernorts Invasionen verursachen, ist nur teilweise geklärt. mehr Mehr

Mitglied werden

 

NABU Regional

NABU Baden-Württemberg NABU.de

Zentren
Schutzgebiete
Gruppen

 

Service

E-Cards

Versenden Sie ganz persönliche Naturgrüße an Freunde und Bekannte

NABU E-Cards

Podcasts

Ab sofort gibt es den NABU zum Hören. Vogelstimmen, Musik und Interviews machen den Podcast zu einem wahren Vergnügen fürs Ohr.

NABU Podcast zum Hören

Desktopmotive

Damit Sie die Natur auch bei der Arbeit immer im Blick haben - die NABU-Desktopvorlagen.

NABU-Desktopvorlagen

Verbandsnetz

Das gemeinsame Netzwerk für alle Aktiven in NABU, NAJU und LBV

NABU-Verbandsnetz

 

NATIONALPARK

NationalparkNordschwarzwald.de

Alle Infos auf NationalparkNordschwarzwald.de Mehr

 

Broschüren

Broschüren

Sie suchen Broschüren und Vorträge? Hier sind Sie richtig! Mehr