Jedes Jahr pflegt das Team des NABU-Vogelschutzzentrums Mössingen rund 1200 Vögel gesund – darunter auch besonders streng geschützte Arten. Helfen Sie uns dabei!
Stefan Bosch und Sohn gewinnen Heimatpreis
Thema: Waldbaumläufer und Wellingtonien in Württemberg
Stefan Bosch und sein Sohn Jason haben den ersten Platz beim Landespreis für Heimatforschung 2025 belegt. - Foto: privat
Dr. Stefan Bosch ist ein erfahrener Ornithologe und seit Jahrzehnten Fachbeauftragter für den NABU, wo er sich intensiv für den Schutz von Vögeln und die Forschung zu heimischen Arten engagiert. Sein Sohn Jason (13) teilt seine Faszination für Ornithologie. Gemeinsam haben sich Vater und Sohn mit einer feldornithologischen Arbeit über Waldbaumläufer und Wellingtonien in Württemberg für den Landespreis für Heimatforschung 2025 beworben – und den ersten Preis gewonnen. Wir wollten wissen, wie es dazu kam.
Wie seid ihr auf dieses ungewöhnliche Thema gekommen?
Über die NABU-Homepage erhielt ich als Fachbeauftragter vor Jahren eine Anfrage aus dem Schönbuch zu einer Schlafgemeinschaft von Gartenbaumläufern, einer faszinierenden Vogelart, die in Deutschland heimisch ist. Bei Recherchen zu diesem Verhalten bin ich auf Berichte über Waldbaumläufer an britischen Mammutbäumen, auch Wellingtonien genannt, gestoßen. Danach wollten wir gleich bei unseren Mammutbäumen im Stromberg nachsehen – und wurden prompt fündig! Dies gab den Anstoß für viele Beobachtungen und Fahrten zu Wellingtonien-Standorten im ganzen Land. Über vier Jahre haben wir mehr als 200 Mammutbäume an 27 Standorten untersucht und in über 40 Nächten mit Wärmebildkamera und Kamera die Waldbaumläufer im Stromberg beobachtet, ohne sie zu stören.
Es muss nicht immer eine Safari oder Expedition in ferne Länder sein. Mit Neugier und offenen Augen kann man vor der heimischen Haustür die großen und kleinen Naturwunder entdecken. Die Natur hält noch viele Details und Geheimnisse bereit, die erforscht werden wollen. Unsere Arbeit vereint die Vogelkunde mit historischen, landeskundlichen und botanischen Aspekten und steht in der NABU-Tradition, Tiere und Pflanzen nicht nur zu beobachten, sondern auch zu erfassen und zu erforschen. Viele NABU-Mitglieder beteiligen sich an Erfassungsprogrammen, wie dem Monitoring häufiger und seltener Brutvögel, dem Brutvogelatlas oder geben Sichtungen auf Meldeplattformen wie Naturgucker ein. Jede Beobachtung kann wertvoll für Wissenschaft und Naturschutz sein.
Wie schlafen Waldbaumläufer an Mammutbäumen?
Ab einem Alter von etwa 100 Jahren wird die Rinde im unteren Bereich der Stämme faserig und schwammig, wodurch sie für die Vögel zugänglich wird. Diese Rinde bearbeiten Baumläufer mit ihrem Schnabel und formen halbrunde Mulden, in die sie sich in kalten Winternächten hineinkuscheln und darin schlafen. Das Verhalten wurde von der damaligen Vogelschutzwarte erstmals 1955 in Baden-Württemberg dokumentiert. Wir legen nun erstmals eine umfassende und unseres Wissens in diesem Umfang einmalige Dokumentation zu diesem Naturphänomen für unser Bundesland vor. Wir zeigen darin, dass die Mammutbäume unseren Waldbaumläufern (Certhia familiaris) dieselben Schlafgewohnheiten ermöglichen, wie sie auch für Amerikanische Baumläufer in Kalifornien und jene auf den Britischen Inseln beschrieben sind. Vor allem im Dezember und Januar sind die Mammutbaum-Schlafplätze besonders gefragt.
Wo schlafen Waldbaumläufer, wenn es keine Mammutbäume gibt?
Die Literatur sagt, in Ritzen und Spalten der Rinde. Wir haben auch einen Vogel in einem dicken Efeustrang gefunden. Aber tatsächlich wissen wir nicht genau, wo „unsere“ Baumläufer übernachten, wenn sie nicht an den Mammutbäumen sind. Das ist eine der vielen offenen Fragen, die wir auch in unserer Studie aufgeführt haben.
Was haben der württembergische König und die Mammutbäume miteinander zu tun?
König Wilhelm I. von Württemberg folgte dem europaweiten Trend, in Parks und Wäldern stattliche Mammutbäume anzupflanzen. 1860 legte er mit der „Wilhelma-Saat“ den Grundstein für die Ansiedlung kalifornischer Mammutbäume in seinem Königreich. Von diesen Bäumen stehen heute noch viele im Land. An den Riesenmammutbäumen (Sequoiadendron giganteum) fasziniert nicht nur ihr enorme Höhe, sondern auch ihr Alter von bis zu 3.000 Jahren. Sie wachsen in anderen Zeitdimensionen und verbinden uns mit Vergangenheit und Zukunft. Beeindruckt hat uns, dass König Wilhelm in seiner langen Regentschaft viele bis heute nachwirkende Entwicklungen im Ländle angestoßen hat. Auch wenn seine Motivation eine andere war, traf er mit den Mammutbäumen eine botanisch-ökologische Entscheidung, die weit über seine Regierungs- und Lebenszeit hinausreichte. Weitsichtige Entscheidungen sind auch heute von politisch Verantwortlichen gefordert, um die Erderwärmung effektiv zu bremsen und für Folgegenerationen Artenvielfalt zu erhalten und großflächig Naturräume zu schützen und zu renaturieren.
Habt ihr schon ein neues Vater-Sohn-Forschungsthema?
Jede wissenschaftliche Studie beantwortet Fragen und wirft neue auf. Noch gibt es viele ungelöste Rätsel rund um die Lebensgewohnheiten der Baumläufer, weshalb wir Folgeprojekte in der Forschung zu Vögeln und Naturschutz planen. Diese erfordern jedoch großen Aufwand und detaillierte Studien. Außerdem beteiligen wir uns an mehreren landes- und bundesweiten Vogelmonitoring-Programmen. Und wir erforschen an unserer kleinen Beringungsstation die Vögel der Gärten und Obstwiesen.
