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Mehr ...Faktenwissen zum Weißstorch
Gibt es zu viele Weißstörche in Baden-Württemberg?
Weißstorch mit Küken - Foto: NABU/Christoph Kasulke
Der Weißstorch gehört zu den bekanntesten und beliebtesten Wildvögeln Europas. Das NABU-Wappentier steht für viele positive Dinge, wie Fruchtbarkeit, Frühling und intakte Feuchtwiesen. In Baden-Württemberg nahm in den 1960er Jahren sein Bestand so stark ab, dass er wenige Jahre später fast ausgestorben war. Dass sich der Bestand von 15 Brutpaaren im Jahr 1975 auf rund 2.600 Weißstorch-Paare in 2025 erholen konnte, ist Schutzmaßnahmen, verändertem Zugverhalten, Pestizidverboten und weitreichenden Veränderungen in den Überwinterungsgebieten zu verdanken. Vor allem die Zahl der Westzieher mit kürzerer Zugroute über Gibraltar nimmt merklich zu. Schön, dass es wieder so viele Störche gibt, könnte man meinen. Doch aktuell häufen sich Debatten, es gäbe zu viele Störche, sie seien gar eine Plage und Belastung für Mensch und Natur. Wir nehmen zehn häufige Aussagen unter die Lupe und ordnen sie faktenbasiert ein.
1. Gibt es zu viele Weißstörche in Baden-Württemberg?
Die Behauptung, es gäbe zu viele Störche, sie seien gar zur Plage geworden, entstammt der Berichterstattung über das Dorf Hohenfels (Kreis Konstanz). Seitdem wurde das Narrativ immer wieder aufgegriffen. In Hohenfels brüten jährlich rund 15 Storchenpaare. Weil Mitte September dort rund 130 Störche auf dem Weg in ihr Winterquartier auf einer Wiese Rast machten und der Bürgermeister dies fotografierte, beklagte er danach pressewirksam zu viele Vögel, die alles wegfressen würden und zu viel Lärm und Dreck machten, und die BILD titelte „130 Horror-Störche terrorisieren Dorf“, was von anderen Medien aufgegriffen wurde.
Fakt ist: Bei einem kurzzeitigen Ereignis wie dem Vogelzug von einer Plage zu sprechen, ist unzutreffend. Dass sich dutzende bis hunderte Störche treffen, um auf attraktiven Flächen nach Nahrung zu suchen und sich für den großen Flug gen Süden stärken, ist völlig normal und jahreszeittypisches Verhalten. Sie bleiben nur wenige Tage und tauchen mal hier und mal dort auf. Störche können einige Kilometer weit frisch gemähte Wiesen riechen, wo es meist reichlich Futter in Form von toten Mäusen und Wirbellosen gibt. In Hohenfels mähten die Landwirte zeitgleich aufgrund drohender Schlechtwetterlage große Wiesenflächen – und die Störche kamen. Weil es in unserer Landschaft immer weniger große Feuchtgebiete mit typischen Feuchtwiesen gibt, konzentrieren sich die Störche auf wenige Feuchtflächen und Wässerwiesen.
Störche können außerdem durch unfreiwillige Fütterung angelockt werden, etwa an offenen Müllkippen und Abfallsortieranlagen sowie Biogasanlagen. Wird dort das Fast-Food-Buffet eröffnet, muss man sich nicht wundern, wenn viele Störche, aber auch Greifvögel, Rabenvögel, Möwen und andere Tiere sich dort satt essen. Sie verwerten, was wir unbedacht wegwerfen. Aber leider auch Dinge wie Gummiringe und Plastikmüll, die für Störche eine tödliche Gefahr bergen. Auch in Hohenfels wurden die Störche angelockt durch den Menschen. Neben den großflächig gemähten Wiesen sorgt dort laufend eine Biogasanlage für reichlich leicht erreichbares Futter. Die Störche bleiben dauerhaft in Mindersdorf und pendeln von der Futterquelle auf die Hausdächer zum Übernachten. Das zeigen die Telemetrie-Daten überwachter Störche.
2. Machen Störche viel Lärm und Dreck?
Ja, klappern gehört bei Störchen dazu. Die Vögel können nicht singen, sie klappern lautstark mit dem Schnabel zur Begrüßung, bei der Balz und um Feinde abzuschrecken. Doch ist das bereits Lärm? Das Klappern ist in etwa so laut wie ein vorbeifahrendes Auto im Stadtverkehr. Nachts ist es still im Storchenhorst. Nach dem Vogelzug endet das Klappern komplett und von September bis Februar haben Hausbesitzende meist ihre Ruhe – außer die Störche bleiben aufgrund veränderter klimatischer Bedingungen ganzjährlich da. Doch auch im Winter haben sie wenig Anlass zu klappern.
Da Störche nicht ins Nest koten, sondern über den Horstrand, werden Dächer mit bebrüteten Horsten weiß. Dieser Kot wird nach der Brutsaison wieder vom Regen abgewaschen. Gelegentlich werfen Störche auch Nistmaterial aus dem Nest oder lassen herbeigetragenes Material fallen, so dass sich manchmal Zweige ansammeln.
3. Wurde der Weißstorch künstlich angesiedelt und gehört gar nicht nach Baden-Württemberg?
Falsch, der Weißstorch ist eine in Baden-Württemberg heimische Brutvogelart und seit Jahrhunderten Teil der mitteleuropäischen Kulturlandschaft und -geschichte: Auf jahrhundertealten Dorf- und Stadtdarstellungen lassen sich Hinweise auf Storchenhorste finden. Der Storch nutzt Wiesen und Weiden mit hohem Grundwasserspiegel zur Nahrungssuche. Als Kulturfolger brütet er in der Nähe des Menschen, gern in luftiger Höhe auf Dächern, Türmen oder Schornsteinen oder auch Strommasten. Nester auf Bäumen, wie es seit kurzem eines in Stuttgart gibt, sind noch selten, nehmen aber jüngst zu. Als großer Vogel mit bis zu zwei Metern Flügelspannweite braucht er freie Bahn, um sein Nest anzufliegen.
Störche lassen sich dort nieder, wo es ausreichend Nahrung, einen attraktiven Brutplatz und nette (Storchen-) Nachbarschaft gibt. Wo bereits Störche brüten, kommen oft weitere Paare hinzu. Allerdings nur, solange sie ihren Nachwuchs erfolgreich großziehen können. Künstliche Nisthilfen können Störche anziehen und von anderen, ungewollten Brutplätzen fernhalten. Immer wieder werden Störche entgegen den Empfehlungen des NABU aber auch gefüttert.
4. Fressen Weißstörche die Wiesen leer und vernichten Frösche, Eidechsen und andere geschützte Arten?
Richtig ist: Weißstörche sind Nahrungsopportunisten. Sie fressen, was in der Landschaft häufig und leicht erreichbar ist – seltene, geschützte Arten gehören da meist nicht dazu. Störche ernähren sich vor allem von Regenwürmern, auf dem Speiseplan stehen zudem größere Insekten, Mäuse, Schnecken, gelegentlich Fische oder Aas und ja, auch Amphibien. Deren Bestand ist in Baden-Württemberg massiv unter Druck, was nicht an den Störchen, sondern vor allem am Verlust ihres feuchten Lebensraumes liegt, weil viele kleine Gewässer trockengelegt wurden und im Zuge der Klimakrise oft schon früh im Jahr austrocknen.
Entscheidend für Amphibien und andere potenzielle Beutetiere sind in der Regel die Menge und Qualität ihrer Lebensräume. Eine mangelhafte Gewässerstruktur, der Pestizideinsatz, die Entwässerung, der Straßenverkehr und klimatische Veränderungen setzen ihnen stark zu.
In der Landwirtschaft töten nicht die Störche massenweise Amphibien, Insekten und andere Kleintiere. Diese sterben vielmehr durch das Mähwerk und werden von den dahinter schreitenden Störchen aufgesammelt und gefressen. Natürlich kann es auch passieren, dass sie seltene Tiere verspeisen. Weißstörche sind ein natürlicher Bestandteil der Nahrungsnetze und stehen an deren Spitze. Fehlt die Nahrungsbasis, überleben nur wenige Störche.
5. Sind Weißstörche für den Rückgang von Kiebitzen, Feldlerchen und anderen Bodenbrütern verantwortlich?
Ornitholog*innen führen die großräumigen Bestandsverluste vieler Agrarvögel vor allem auf die Intensivierung der Landwirtschaft zurück. Es fehlt an Brachen, Säumen und Feuchtstellen als Lebensraum. Frühe und häufige Mahd, dichte Pflanzenbestände, Pestizideinsatz und ein geringeres Nahrungsangebot senken die Überlebenschancen der Vögel. Lokal können Schutzmaßnahmen für besonders gefährdete Brutplätze sinnvoll sein. Daraus lässt sich aber kein pauschaler Konflikt „Storch gegen Bodenbrüter“ ableiten. In Brutgebieten seltener Feldvögel sollten trotzdem Störche nicht aktiv durch Nestplattformen angesiedelt werden, um Konflikte nicht zu provozieren.
Ja, Weißstörche können gelegentlich Eier oder Jungvögel erbeuten. Der Verlust einzelner Tiere durch natürliche Fressfeinde ist jedoch Teil des Ökosystems. Um die Verluste ausgleichen zu können, benötigt es mehr natürlichen Lebensraum.
6. Verursachen die vielen Störche erhebliche Schäden in der Landwirtschaft?
Richtig ist: Störche sammeln sich gern auf frisch bearbeiteten oder gemähten Flächen, weil dort Mäuse, Insekten und andere Kleintiere leichter erreichbar sind. Ihre Anwesenheit bedeutet nicht, dass sie Saatgut oder Feldfrüchte verspeisen. Weißstörche sind keine Pflanzenfresser. Störche suchen auf Feldern nach Tieren – nicht nach der Ernte. Sie tragen eher zur Beseitigung von potenziellen Ernteschädlingen bei.
7. Zerstören Storchennester zwangsläufig Dächer und gefährden Gebäude?
Ein großer, über Jahre genutzter Horst kann schwer werden. Bei ungeeigneter Unterlage können deshalb statische Probleme, verstopfte Dachrinnen oder Verschmutzungen auftreten. Diese Probleme sind jedoch meist technisch lösbar – durch eine stabile Horstunterlage, regelmäßige fachkundige Kontrollen – etwa durch lokale Storchenbetreuende –, eine Begrenzung der Nesthöhe oder einen geeigneteren Ersatzstandort und regelmäßige Reinigungen. Einen Horst illegal zu entfernen, ist häufig keine dauerhafte Lösung, weil das Paar in der Nähe einen neuen und möglicherweise noch problematischeren Brutplatz wählen kann.
Maßnahmen am Horst müssen stets mit den zuständigen Naturschutzbehörden abgestimmt und genehmigt werden, da Weißstörche und ihre Nester gesetzlich geschützt sind. Bei Konflikten werden Hausbesitzende und ehrenamtliche Storchenbetreuer*innen oft allein gelassen und bei ihrer Arbeit zu wenig unterstützt.
8. Bleiben Störche nur hier, weil sie gefüttert werden und verlernt haben, nach Afrika zu ziehen?
Nicht alle Weißstörche ziehen bis nach Afrika. Viele Tiere der westlichen Population überwintern heute bereits in Spanien oder Frankreich, einige auch in Deutschland. Dieses veränderte Zugverhalten hängt unter anderem mit milderen Wintern und gut verfügbaren Nahrungsquellen etwa auf Mülldeponien zusammen. Diese „Winterstörche“ haben kein Problem mit der Kälte, solange sie ausreichend zugängliche Nahrung finden. Störche sind anpassungsfähig. Eine aktive Fütterung kann dazu führen, dass sie ihre natürlichen Zugstrategien aufgeben.
Störche sind Wildtiere, die auch im Winter nicht gefüttert werden sollten, denn das schafft eine Abhängigkeit und Bindung an künstliche Futterquellen sowie weitere Probleme. Ziel sollte eine selbstständige Population sein.
Eine ungewollte Fütterung stellt es dar, wenn Wildtiere wie Störche sich auf Mülldeponien oder an Biogasanlagen satt fressen, die noch dazu schlimme Folgen haben kann. Einseitige Ernährung kann eine Mangelernährung bedingen. Viele Jungstörche verenden an Plastik- oder Gummiteilen, die ihre Eltern für Würmer gehalten haben, Schnüre und Netze wickeln sich um Beine und Schnäbel – teils mit tödlichen Folgen.
9. Hilft der Klimawandel den Störchen, sodass die Art keinen Schutz mehr benötigt?
Die Klimakrise hat für Störche mehrere Folgen, positive wie negative. Mildere Winter können die Sterblichkeit auf langen Zugwegen verringern und eine frühere Rückkehr oder Überwinterung in Europa begünstigen. Der Klimawandel wirkt aber nicht ausschließlich positiv. Wenige Niederschläge im Winterquartier können sich negativ auf die Beutetiere und damit auf die Störche in Afrika auswirken. Auch in Europa können extreme Wetterereignisse, wie tagelanger Starkregen, für junge Störche tödlich sein. Solange ihr Gefieder noch nicht ausreichend schützt, saugen sich die Daunen mit Wasser voll; die Jungvögel kühlen aus und können sterben. In langen Trockenphasen finden Elternstörche zu wenig Nahrung. Besonders kritisch wird es, wenn extreme Witterung auf ausgeräumte Landschaften mit wenigen Feuchtflächen und Rückzugsräumen trifft.
10. Sollte man den Bestand durch Abschuss oder Nestzerstörung regulieren, weil es wieder genug Störche gibt?
Nur weil sich eine einst seltene Tierart wieder erholt, muss sie nicht gleich wieder reguliert werden. Eigenmächtiges Entfernen von Nestern, Eiern oder Tieren ist gesetzlich verboten. Eine hohe regionale Dichte ist kein Beleg dafür, dass eine Bestandsregulierung nötig oder wirksam wäre. Vor Forderungen nach Eingriffen müssen konkrete Schäden, ökologische Auswirkungen, Alternativen und die rechtlichen Voraussetzungen belastbar geprüft werden.
Lokale Probleme brauchen lokale Lösungen – keine pauschale Bekämpfung einer geschützten Art. Gefährliche oder ungeeignete Neststandorte können fachgerecht gesichert oder wirksam vor einem Nestbau geschützt werden. Offene Deponien lassen sich für Vögel unzugänglich machen. Gebäude können geeignete Horstunterlagen erhalten. Zugleich müssen natürliche Nahrungsflächen und Feuchtlebensräume erhalten werden.
Der Weißstorch ist, wie alle europäischen Brutvogelarten, streng geschützt. Auch wenn er derzeit einen erfreulichen Bestandsboom erlebt, ist längst nicht alles in Ordnung. Auf dem Vogelzug, an ungesicherten Hochspannungsleitungen, durch Lebensraumverluste und Entwässerung der Landschaften, Plastikmüll in Nestern und Mägen, Pestizide, direkte Verfolgung und Extremwettereiereignissen sind Weißstörche weiterhin gefährdet. Die Zahl der Nester allein ist kein positives Kriterium: Vielerorts erreichen Störche nicht die erforderliche jährliche Nachwuchsrate von 1,3 ausgeflogenen Jungstörchen, die es für eine dauerhaft stabile Population im Südwesten braucht.
Fazit
Die Rückkehr des Weißstorchs ist eine Erfolgsgeschichte, sorgt aber mitunter für Konflikte. Sachgerechte Beratung durch NABU-Aktive und die Ansprechpersonen des Landes Baden-Württemberg, technische Lösungen und eine naturnahe Landschaft helfen dabei, dass der Weißstorch als Kulturfolger wieder seinen Platz in Baden-Württemberg findet. Schlagworte wie „Plage“ oder pauschale Forderungen nach einer Reduzierung des Bestands helfen im Alltag nicht weiter.
Der entscheidende Punkt lautet: Nicht der Storch ist aus dem Gleichgewicht geraten. Vielerorts fehlen vielfältige, feuchte und extensiv genutzte Landschaften, in denen sich Tiere verteilen und ausreichend natürliche Nahrung finden können. Damit der Weißstorch weiter Aufwind hat, brauchen er und viele weitere Arten wirksamen Klimaschutz, die Renaturierung von Lebensräumen und das Verständnis der Menschen.
Stand: 16. Juli 2026
Zum Autor
Seit vielen Jahren setzt sich Stefan Eisenbarth aus Gernsbach mit großer Leidenschaft für den Schutz des Weißstorchs ein. Als NABU-Weißstorchbeauftragter für Baden-Württemberg begleitet er die Arbeit der Storchenbetreuerinnen und Storchenbetreuer, fördert den Erfahrungsaustausch und engagiert sich für den Erhalt wichtiger Lebensräume des NABU-Wappenvogels. Er erklimmt Horste, beringt Jungstörche, reinigt die Nester, informiert und vermittelt bei Konflikten. „Dass es wieder viele Weißstörche im Land gibt, motiviert mich sehr. Es zeigt: Artenschutz wirkt. Ich setzt mich weiter dafür ein, dass die faszinierenden Glücksboten auch in Zukunft auf vielen Dächern in Baden-Württemberg klappern können.“
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