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Mehr ...Großmuscheln: Lebensweise und Gefahren
Wichtige Funktion im Ökosystem
Lebensweise der Muscheln
Die Lebensweise einer Großmuschel scheint unspektakulär zu sein. Das erwachsene Tier sitzt, halb eingegraben, am Gewässerboden und filtert das Wasser. Durch die Einströmöffnung wird das Wasser durch die Kiemen angesaugt, Schwebstoffe als Nahrung aufgenommen und durch die Ausströmöffnung wieder ausgestoßen. Doch der Schein trügt: Insbesondere die Fortpflanzung ist hoch komplex. Die Muscheln sind dabei auf Fische angewiesen, die sogenannte Wirtsfische. Die Weibchen stoßen die mit bloßem Auge nicht sichtbaren Larven in das Wasser. Die Larven (Glochidien) brauchen dann einen Fisch. Nur wenn es ihnen gelingt, sich an den Kiemen anzuhaften, können sie weiterwachsen.
In der Metamorphose wandelt sich die Glochidie, die einfach aus zwei Schalen und einem Muskel besteht, zu einem filtierenden Organismus um. Dabei schädigen sie den Fisch nicht. Nach etwa zwei bis sechs Wochen fällt die Muschel vom Wirt ab. Das hat den Vorteil, dass sich Muscheln dabei weiterverbreiten können, wenn der Fisch woanders hinschwimmt. Eine einzige Muschel produziert dabei bis zu 200.000 Larven pro Jahr! Jede Muschel nutzt dabei unterschiedliche Wirtsfische. Muschelschutz bedeutet also auch Fischschutz, denn ohne Wirtsfisch kann sich eine Muschel nicht fortpflanzen. Eine Muschel kann bis zu 30 Jahre alt werden!
Die Lebensraumansprüche sind vielfältig. Manche Arten kommen in Stillgewässern vor (z.B. die Teichmuschel), andere Arten wie die kleine Flussmuschel (auch Bachmuschel genannt) sind in Fließgewässern zu Hause. Die Arten sind unterschiedlich anpassungsfähig. Mit dem Scheinfuß einem kräftigen, axtförmigen Muskel, können sie sich einzugraben oder in stoßartigen Bewegungen fortbewegen.
Die Bestimmung von Muscheln
Grundsätzlich unterscheidet man zwischen den Gattungen Anodonta oder Unionidae. Die Anodonta sind die Teichmuscheln. Sie haben eine dünne Schale und keine Zähne am Schließmechanismus. Die Unionidae, die Flussmuscheln, Zähne und eine dicke Schale. Aber Achtung, die Bestimmung der Art ist nicht ganz einfach, da die Muschelform auch innerhalb einer Art variiert. Am besten verwendet man einen Bestimmungsschlüssel, um von Merkmal zu Merkmal zur richtigen Art geführt zu werden. Wir empfehlen den Bestimmungsschlüssel der Muschelkoordinationsstelle in Bayern.
Die Kläranlagen unserer Gewässer – Beeindruckende Ökosystemdienstleistungen
Muscheln filtern Wasser. Damit leisten sie einen Beitrag zur Selbstreinigungskraft von Gewässern und übernehmen eine wichtige Funktion im Ökosystem. Je nach Größe filtert eine Muschel bis zu fünf Liter Wasser pro Stunde. Vor langer Zeit gab es so viele Muscheln, dass man sogar Schweine damit gefüttert hat – auf Muschelbänken gab es mehrere hundert Tiere pro Quadratmeter. Bei einer hohen Tierdichte ist die Filterleistung also enorm. In einer Studie wurde für den Waldsee bei Feiburg errechnet, dass die Großmuscheln (überwiegend Teichmuscheln) alle ein bis zwei Wochen das Seewasser komplett filtern. Das Ergebnis einer Studie an der Spree war, dass der gesamte Abfluss einmal von Muscheln gefiltert wird. Diese Beispiele zeigen, wie unglaublich wichtig und schützenswert Großmuscheln in unseren Gewässern sind. Der Spruch „gesunde Flüsse, gesund Muscheln, gesunde Menschen“ ist nicht umsonst ein Leitsatz im Muschelschutz.
Intakte Fließgewässer sind wichtig
Ein intaktes Fließgewässer zeichnet sich durch eine hohe Anzahl an unterschiedlichen Lebensräumen aus: Mal plätschert das Wasser vor sich hin, mal rauscht es laut. Tiefe Bereiche, sogenannte Gumpen, wechseln sich mit flachen Bereichen (Rauschen) ab. Ein Baum, der ins Wasser gefallen ist, bietet durch den Wurzelteller einen Rückzugsraum für Fische. Hinter großen Steinen bilden sich Rückströmung wie im Windschatten eines Baumes. Auch diese Bereiche sind ein wichtiger Lebensraum für Fische. Aber warum sind Fischlebensräume für die Muscheln so wichtig? Weil Muscheln die Fische zur Fortpflanzung benötigen und Fischschutz also Muschelschutz ist. Intakte Fließgewässer haben also eine gute Fischpopulationen und Großmuscheln – das führt zu einer hohen Selbstreinigungskraft. Unsere Gewässer wurden jedoch über Jahrzehnte begradigt und ausgebaut. Dadurch fehlen Fließgewässer mit einer hohen Anzahl unterschiedlicher Lebensräume. Es ist jedoch einfach, diese intakten Fließgewässer wiederherzustellen. Die Großmuscheln kommen häufig an Gräben vor. Nachdem man die Muscheln erfasst hat, kann im Rahmen der Gewässerunterhaltung eine kleine Revitalisierung erfolgen. Die Erfassung der Muscheln ist jedoch wichtig, da man bei der Revitalisierung keine Muscheln verletzen möchte. Buhnen oder Störsteine sind nur ein paar Maßnahmen, die mit wenig Aufwand umgesetzt werden können. Dadurch entstehen wiederum Lebensräume für Fische und somit auch für Muscheln. Erhöht sich danach die Anzahl der Muscheln kann man sicher sein: Die Revitalisierung ist erfolgreich. Dadurch, dass Muscheln auf eine intakte Fischfauna hinweisen, sind sie eine sogenannte Indikatorart.
Gefahren für Muscheln
Das Artensterben in Gewässern schreitet schneller voran als an Land. Laut Experten beträgt der Bestandsrückgang der einst sehr häufigen Kleinen Flussmuschel (auch Bachmuschel) 95 Prozent. Nicht weniger dramatisch: Der Rückgang der Insektenbiomasse in Schutzgebieten beträgt circa 75 Prozent (Krefeld-Studie, 2017). Der Unterschied ist: Es findet unbemerkt unter der Wasseroberfläche statt. Die Gefährdungsursachen sind vielfältig:
- Der Verlust des Lebensraums für Fische und Muscheln stellt eine wesentliche Ursache dar. Gewässer wurden begradigt, verbaut und verrohrt.
- Durch punktuelle Einleitungen aus z.B. Kläranlagen oder diffusen Stoffeinträgen wie Feinsediment oder Nährstoffe ist die Wasserqualität verringert. Insbesondere Pestizid- oder Medikamentrückstände sind eine Gefährdungsursache.
- Langanhaltende Trockenheit sorgt in Verbindung mit einer hohen Wassertemperatur zu einem Verlust von Populationen.
- Invasive Arten wie die Quaggamuscheln stellen eine Konkurrenz dar, der Bisam kann ganze Muschelpopulationen auffressen.
- Eine weitere Gefährdung ist das Ausbaggern von Muscheln zum Beispiel im Rahmen von einer Grabenräumung. Wenn die Muscheln an Land liegen, schließen sie ihre Schale fest zu und warten auf Wasser, anstatt vom Ufer wieder ins Gewässer zurückzulaufen. Dementsprechend vertrocknen sie.
Fazit: Der Schutz von intakten Gewässern und Revitalisierungen ist wichtiger denn je. Ein Gewässerrandstreifen mit Gehölzen verringert den Eintrag von Nährstoffen in das Gewässer. Zudem wird das Gewässer beschattet, die Temperatur verringert sich. Konzepte für die Verringerung der Ausbreitung von invasiven Arten müssen erstellt werden. Vor Eingriffen ins Gewässer muss geprüft werden, welche Arten vorhanden sind. Die Wasserrahmenrichtlinie und die Wiederherstellungsverordnung müssen konsequent umgesetzt werden. Denn viele Beispiele zeigen jetzt schon, dass Revitalisierungen zielführend sind.
Stand 5.3.2026
Zum Autor:
Finn Zenker ist ehrenamtlicher Fachbeauftragter für Fließgewässer und aquatischen Artenschutz beim NABU BW. Zurzeit studiert er Landschaftsplanung und Naturschutz. In der Freizeit setzt er sich für Fließgewässer und deren Lebewesen, insbesondere Muscheln und Flusskrebse, ein.
Weitere informationen:
Sie besitzt eine annährend dreieckige mandelförmige Schale mit einem variablen Muster – mal mit dunklen Linien, mal mit einem Zickzack-Schwenker – wird bis zu 40 mm groß und macht einen unscheinbaren Eindruck, der allerdings trügt – die Quaggamuschel (Dreissena rostriformis bugensis). Mehr →
