Einjährige, mehrjährige oder vergraste Blühstreifen: Wo sich am meisten Regenwürmer tummeln
Und warum angrenzende Ackerflächen davon ebenfalls profitieren
Kiebitz erhascht einen Regenwurm. Foto: NABU CEWE/Thomas Hempelmann
Der ökologische Wert mehrjähriger Blühstreifen ist gut dokumentiert. Sie bieten Lebensraum für bestäubende Insekten wie Wildbienen, Schmetterlinge und Schwebfliegen, fördern die Artenvielfalt in Agrarlandschaften und werten monotone Ackerflächen ökologisch auf. Doch was passiert unter der Oberfläche? Was zeigt sich, wenn der Blick weg von Blütenbesuchern und Bestäubern in den Boden gerichtet wird, dorthin wo Bodenleben, Humusbildung und Kohlenstoffspeicherung stattfinden?
Eine aktuelle Studie (Vaupel et al., 2024) liefert genau dazu neue Erkenntnisse. Die Forschenden untersuchten, wie sich mehrjährige Blühstreifen auf Regenwürmer und andere Bodenorganismen auswirken und welchen Einfluss sie auf zentrale Prozesse der Bodengesundheit und Fruchtbarkeit haben. Die Ergebnisse belegen, dass der Nutzen von Blühstreifen nicht an der Bodenoberfläche endet, sondern tief in den Boden hineinreicht und damit auch für angrenzende landwirtschaftliche Flächen von Bedeutung ist.
Wie sah die Studie aus?
In der Studie wurden 46 Standorte in Deutschland untersucht, an denen jeweils mehrjährig angelegte Blühstreifen mit den angrenzenden Ackerflächen verglichen wurden. Pro Standort wurden je vier Probenpunkte im Blühstreifen und vier im Acker eingerichtet – also insgesamt acht Messpunkte –, die im Frühjahr 2023 beprobt wurden. Auf den Blühstreifen wurde weder gedüngt, noch Pestizide ausgebracht, auch wurde keinerlei Bodenbearbeitung seit dem Zeitpunkt der Ansaat durchgeführt.
Was waren die Ergebnisse?
Mehrjährige Blühstreifen wirken wie Inseln der Bodenruhe in intensiv genutzten Agrarlandschaften. Sie bieten stabile, ungestörte Lebensräume, in denen sich Regenwurmpopulationen aufbauen und erhalten können.
Mehrjährige Blühstreifen fördern Regenwürmer. Foto: Sabine Geißler-Strobe
Die Regenwurm-Populationsdichten in mehrjährigen Blühstreifen waren im Durchschnitt um beeindruckende 231 Prozent höher als in den angrenzenden Ackerflächen. Ein zentraler Grund für diesen Anstieg liegt im Verzicht auf Bodenbearbeitung, wie etwa dem Pflügen, das in diesen Blühstreifen nicht erfolgt. Diese kontinuierliche Bodenruhe ist auch ein wesentlicher Vorteil im Vergleich zu einjährigen Blühstreifen, die aufgrund ihrer jährlichen Neuanlage nur eine deutlich kürzere Phase der Bodenruhe ermöglichen.
In einer weiteren Studie wurde zudem gezeigt, dass vergraste Feldraine weitaus weniger Regenwürmer beherbergen als mehrjährige Blühstreifen. Dies deutet darauf hin, dass auch der hohe Grad an Pflanzenvielfalt in den Blühstreifen eine entscheidende Rolle spielt: Verschiedene Wurzelsysteme und eine größere Vielfalt an ober- und unterirdischen Pflanzenteilen sorgen für ein reichhaltigeres Nahrungs- und Strukturangebot für Regenwürmer.
Die Regenwurm-Populationsdichten in mehrjährigen Blühstreifen waren im Durchschnitt um beeindruckende 231 Prozent höher als in den angrenzenden Ackerflächen. Grafik: K. Leisterer-Miskovic
Es gibt drei Gruppen von Regenwürmern:
- Streubewohner (epigäisch)
- Oberbodenbewohner (endogäisch)
- Tiefengräber (anözisch)
Insbesondere die vertikal grabenden Regenwürmer (Lumbricus terrestris) sind wegen ihrer senkrechten Gänge sehr wertvoll.
Der Effekt bleibt nicht im Blühstreifen – er wirkt in den Acker hinein
Mehrjährige Blühstreifen können die Ansiedlung von tiefengrabenden (anözischen) Regenwurmarten an Standorten ermöglichen, an denen sie in Ackerflächen fehlen. Davon profitieren auch die angrenzenden Ackerflächen: Regenwürmer wandern aus den Blühstreifen in den Acker ein und verbessern dort die Bodenstruktur durch ihre Gänge. Regenwürmer, oft als „Ökosystemingenieure“ bezeichnet, spielen dabei eine essenzielle Rolle für gesunde Böden. Sie übernehmen zentrale Funktionen, wie die Verbesserung der Wasseraufnahme, die Förderung der Humusbildung und die Erhöhung der Nährstoffverfügbarkeit für Pflanzen. Besonders in Zeiten häufiger Starkregenereignisse, wie sie 2025 auftraten, leisten sie einen wichtigen Beitrag zur Bodengesundheit, indem sie Erosion verhindern. Richtig angelegt sind mehrjährige Blühstreifen somit nicht nur „Bienenfutter“, sondern eine wirtschaftlich bedeutsame Bodenverbesserungsmaßnahme bei gleichzeitiger Minimierung von Bodenerosion durch Starkregen.
Die positiven Effekte sind jedoch kein Automatismus; Streifenbreiten von idealerweise 20 Metern oder die Wahl der Blühmischung sind entscheidende Einflussfaktoren. So sind schmalere Streifen anfälliger für Vergrasung und haben geringere Wirkung auf Biodiversität und Bodenfunktionen. Untersuchungen zu mehrjährigen Blühstreifen empfehlen Mischungen mit hoher Artenzahl aus regionaltypischen Wildpflanzen. Artenreiche, mehrjährige Mischungen mit Leguminosen, Tief- und Flachwurzlern fördern dauerhaft die Porenstruktur im Boden.
Wie Regenwurmgänge bei Trockenstress helfen
- Tunnel und Gänge: Regenwürmer graben vertikale Gänge im Boden, die von Pflanzenwurzeln bevorzugt genutzt werden. Das erleichtert den Wurzeln das Vordringen in tieferliegende, oft feuchtere Bodenschichten. Tieferreichende Wurzeln sind bei Frühjahrsdürre vorteilhaft, weil sie Wasser aus tieferen Bodenschichten erreichen, wenn die oberflächennahen Schichten bereits trocken sind. So können Pflanzen auch in Trockenphasen weiterwachsen.
- Nährstoffreiche Gänge: Die vom Regenwurm-Kot ausgekleideten Gänge sind stabil und nährstoffreich. Dies bietet günstige Bedingungen für das Wachstum von Pflanzenwurzeln.
- Bessere Belüftung und Wasseraufnahme: Die Gänge des Regenwurms verbessern die Belüftung des Bodens und seine Fähigkeit, Wasser aufzunehmen und zu speichern, was für das Wurzelwachstum essenziell ist. Vegetationsstreifen am Ackerrand können damit Bodenerosion und Nährstoffverluste deutlich mindern.
Quelle:
Vaupel, A., Bednar-Konski, Z., Olivera, M. et al. Perennial flower strips in agricultural landscapes strongly promote earthworm populations. npj Sustain. Agric. 2, 31 (2024). https://doi.org/10.1038/s44264-024-00040-2
